... oder schon auf einem neuen Planeten?
Oft frage ich mich, wie es Menschen ergeht, die aus einer anderen Kultur kommend Deutschland erreichen.
Was empfindet eine Frau, die selbstverständlich einen Schleier getragen und selten andere Kleidung auf der Straße gesehen hat, wenn ihr junge Mädchen in Tops und Miniröcken entgegenkommen?
Wie reagiert ihr Geruchssinn, das ästhetische Empfinden, sobald sie in den Auslagen der Supermärkte oder an anderen Orten mit Lebensmitteln konfrontiert wird, die im eigenen Land als unrein oder aus anderen Gründen als nicht essbar deklariert werden?
Wie schwer fällt es Eltern, ihren Kinder nicht die Bildung zu ermöglichen, die sie im eigenen Land in Friedenszeiten hätten bekommen können?
Was empfinden Menschen, die in einer bunten Kultur in einem schönen, sicheren Zuhause großgeworden sind und jetzt in einem grauen Plattenbau oder einem Zimmer im Übergangswohnheim landen, in dem niemand ihre Sprache spricht?
Wie geht es den Menschen, die einen Großteil ihres Lebens, ihrer Identität verloren haben und spüren, dass sie unerwünscht sind?
Das versuche ich zu ergründen, in Geschichten zum Beispiel und durch Kontakte mit unseren Gästen und neuen Mitbewohnern. Wahrscheinlich werde ich nur einen Bruchteil verstehen. Immerhin.
Autorinnenseite für Romane, Kurzgeschichten, Songtexte, Schreibkurse, Kontakte
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Samstag, 2. April 2016
Montag, 23. November 2015
Heimat
Immer schon ein Thema in mir und um mich herum, ewig, seit ich denken kann. Und vielleicht schon davor.
Ein Thema, das gerade überstrapaziert wird?
Trotzdem ist es da.
Was ist Heimat?
Angeregt durch zwei Reportagen, Blogbeiträge und Bücher möchte ich mir HEIMAT genauer ansehen, Geschichten dazu schreiben. Dabei ist klar, dass es eine beinahe unendliche Reihe von Texten gibt, die sich mit diesem Begriff sehr unterschiedlich und seit Jahrhunderten beschäftigen.
Dann lasst uns diese Reihe mal erweitern!
Hier ein paar passenden Links zum Einstimmen:
www.ndr.de/fernsehen/epg/import/Friedland,sendung421236.html
daserste.ndr.de/beckmann/sendungen/Neue-Heimat-Einwanderer-in-Deutschland,neueheimat104.html
juttareichelt.com/category/versuche-uber-heimat/
www.blaumeier.de/de/shop/?we_objektID= "Heimat - Ein Fotografiebuch" als Projekt des Bremer Blaumeier-Atelier.
Das Gefühl sei nicht vermittelbar, sagt Senta Berger in einem Beitrag der ARD-Themenwoche vom 4.-10. Oktober 2015 und beschreibt die Geräusche, Gerüche und ein bestimmtes Licht, das sie mit ihrer Vorstellung von Heimat verbindet.
Sunnyi Melles Eltern sind im Zweiten Weltkrieg emigriert. Für sie ist Heimat mit dem Ort verbunden, an dem die Familie zusammen ist. Eine gemeinsame Sprache gehört für sie ebenso zum Heimatgefühl.
Ein Syrer in einem Beitrag bei Beckmann sagt, Heimat sei da, wo er in Ruhe leben könne, wo er akzeptiert werde und seine Kinder eine Zukunft hätten.
Was ist Heimat für euch?
Ich freue mich über Texte - große, kleine oder weitere Links zum Thema.
Ein Thema, das gerade überstrapaziert wird?
Trotzdem ist es da.
Was ist Heimat?
Angeregt durch zwei Reportagen, Blogbeiträge und Bücher möchte ich mir HEIMAT genauer ansehen, Geschichten dazu schreiben. Dabei ist klar, dass es eine beinahe unendliche Reihe von Texten gibt, die sich mit diesem Begriff sehr unterschiedlich und seit Jahrhunderten beschäftigen.
Dann lasst uns diese Reihe mal erweitern!
Hier ein paar passenden Links zum Einstimmen:
www.ndr.de/fernsehen/epg/import/Friedland,sendung421236.html
daserste.ndr.de/beckmann/sendungen/Neue-Heimat-Einwanderer-in-Deutschland,neueheimat104.html
juttareichelt.com/category/versuche-uber-heimat/
www.blaumeier.de/de/shop/?we_objektID= "Heimat - Ein Fotografiebuch" als Projekt des Bremer Blaumeier-Atelier.
Das Gefühl sei nicht vermittelbar, sagt Senta Berger in einem Beitrag der ARD-Themenwoche vom 4.-10. Oktober 2015 und beschreibt die Geräusche, Gerüche und ein bestimmtes Licht, das sie mit ihrer Vorstellung von Heimat verbindet.
Sunnyi Melles Eltern sind im Zweiten Weltkrieg emigriert. Für sie ist Heimat mit dem Ort verbunden, an dem die Familie zusammen ist. Eine gemeinsame Sprache gehört für sie ebenso zum Heimatgefühl.
Ein Syrer in einem Beitrag bei Beckmann sagt, Heimat sei da, wo er in Ruhe leben könne, wo er akzeptiert werde und seine Kinder eine Zukunft hätten.
Was ist Heimat für euch?
Ich freue mich über Texte - große, kleine oder weitere Links zum Thema.
Sonntag, 1. November 2015
Müttererbe
Ria Neumann
Müttererbe - Erzählung
Donat Verlag, 2012
Das Buch beginnt mit einem Segelflug, einem Bild der Freiheit. Mara fliegt.
Doch dann dreht sich das Bild und aus Freiheit wird Dunkelheit.
Die Ich- Erzählerin und beste Freundin Maras betrachtet sie und ihre Mutter Gerine aus dem Blickwinkel einer Frau, die ihre eigene Mutter früh verloren hat und kinderlos geblieben ist.
Im Riesengebirge wird Gerine vor dem zweiten Weltkrieg geboren. Als sie fünfzehn ist, beschließt ihre Mutter, sie nach Prag in ein Kloster zu schicken. Sie sei jetzt alt genug, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Der zweite Weltkrieg hat begonnen und Gerine lernt einen deutschen Offizier kennen, der bald wieder an die Front muss, nicht weiß, dass Gerine schwanger ist. Die Identität des Vaters bleibt ihr Geheimnis.
Das Kind, Margarete, das sich später selbst Mara nennt, ist ungewollt und ungeliebt. Gerine gibt es zu ihrer Tante und kümmert sich nicht mehr. Bis die Tante wenige Jahre später zu alt ist.
Im Stakkato der Gedanken stößt die Geschichte vor, erzählt von Trostlosigkeit und Wut, Angst vor dem Kriegsgeschehen, einer Flucht nach Deutschland und dem Nieankommen. Nirgendwo.
Das klebrige Netz zwischen Mutter und Tochter bildet den Kern der Erzählung. Voller Hass und doch krankhaft abhängig voneinander, machen sich Gerine und Mara das Leben zur Hölle. Die ungeliebte Tochter kann weder gehen, noch sich auf die Liebe zu einem anderen Menschen einlassen.
Meistens im Hintergrund, versucht die Erzählerin zu vermitteln, zu begreifen. Sie sehnt sich nach Harmonie zwischen Mutter und Tochter, sehnt sich nach einer eigenen Geschichte.
Ein Mann, der an Maras Seite auftaucht, ist über Jahre Beiwerk, weniger wichtig als die Katze, der körperliche Nähe maßlos gestattet wird.
Zum Schluss überstürzen sich die Ereignisse, Geheimnisse werden gelüftet, und wäre das alles rechtzeitig geschehen, hätte das Ende ein anderes sein können. Vielleicht.
Ein eindrücklich geschriebenes Buch, das mich die Frauen spüren und sehen lässt, auch die Erzählerin, die nur durch ihre Sicht der Dinge beschrieben wird.
So wenig nah Gerine und Mara sich selbst kommen, so sehr bedrängen sie mich in ihrer Not.
Auch die Erzählerin wird immer wieder dazu verführt, sich Gedanken zu machen, den aus der Spur geratenen Alltag von Freundin und Mutter mitzuleben. Sie beherrschen ihre Umgebung und für eine Zeit auch mich.
Während des Lesens und zwischen Fassungslosigkeit und Wut blitzte immer wieder Verstehen und Empathie.
'Müttererbe' ist nach einmaliger Lektüre nicht ausgelesen. Ich werde es sicher noch einmal in die Hand nehmen und von vorn beginnen.
Ria Neumann wurde 1941 in Lemwerder geboren und lebt jetzt in Osterholz-Scharmbeck.
Weitere Bücher:
Schwarze Johannisbeeren - Erzählung Verlag DER NEUE, Delmenhorst, 1998
Glücklos und Niete - Novelle Verlag DER NEUE, Delmenhorst, 1998
Die Lücke - Erzählung Donat Verlag, Bremen, 2004
Tote Winkel - Kurzgeschichten Donat Verlag, Bremen, 2007
Tunnelblick - Roman Donat Verlag, Bremen, 2009
Für das Manuskript 'Schwarze Johannisbeeren' erhielt die Autorin 1996 das Autorenstipendium des Bremer Senators für Wissenschaft, Kultur und Sport.
Im Jahr 2005 bekam sie für die Kurzgeschichte 'Meines Vaters Ringelrosen' (im Band 'Tote Winkel' enthalten) den 'Irseer Pegasus' der Schwabenakademie Irsee.
Dienstag, 27. Oktober 2015
Blogparade Fluchtgeschichten
Auf der Seite blog.litmuc.net/2015/10/19/blogparadefluchtgeschichten bekommt ihr Informationen zum Literaturfest München 2015 - Blogparade Fluchtgeschichten.
Und hier ist mein Beitrag:
Das weiße Tuch
Fast schon zu alt, um noch aufgeregt zu sein. Beinahe alle Situationen schon gemeistert. Und jetzt doch noch einmal der Schritt über eine neue Grenze, wenn auch zögernd. Doch sie wollte ihre Pflicht erfüllen, als Gemeindemitglied, als mitfühlender Mensch.
Was soll schon sein in einem Land voller Netze und doppelter Böden, dachte sie. Und dann war ihr, als bewege sich der Boden im Halbdunkel ihres engen Flurs. Ein strenger Blick in den Spiegel und ihre Hände waren wieder vollkommen ruhig, als sie den ersten der fünf dicken violetten Knöpfe durch das umsäumte Knopfloch schob, das Tuch um den Hals schlug und verknotete, den Hut mit fliederfarbenem Band auf die kurzen Locken drückte. Schade, sie wären nachher nicht mehr tuffig und weich, eher zerdrückt, vielleicht sogar etwas verklebt vom Schweiß, denn eigentlich war es zu warm für einen Hut. 18°C bestimmt. Frühling eben. Aber der Hut war neu, hatte nur 12,- Euro gekostet, weil die Kälte vorbei war und niemand ihn mehr wollte. Da hatte sie Anfang des Monats und übermütig zugeschlagen. Wie eine Katze, der ein Spatz direkt vor der Nase herumflattert.
Sie hätte zuerst die Schuhe binden sollen. Jetzt saß sie im Mantel - auch er war zu warm - auf ihrem Stuhl im Flur und mühte sich mit den Schnürsenkeln.
»Verdammt«, sagte sie leise. Alles war plötzlich im Weg, der Wollstoff des Mantels, das Tuch, dessen Zipfel ihr die Sicht auf die Füße versperrte, die Hutkrempe, die ihr in die Stirn gerutscht war. Ihr Herz klopfte. Vor Anstrengung. Oder war sie doch ein wenig aufgeregt? Wegen dieser Grenze?
Im Halbschatten des Spiegels sah sie ihr Gesicht, gerötet, etwas aufgequollen, vielleicht von dem Blut, das ihr gerade beim Bücken in den Kopf geschossen war. Immerhin, dann war sie ja noch quicklebendig. Sie lächelte, nur zur Probe, griff nach den Henkeln ihrer braunen Handtasche, knipste noch einmal den fleckig-silbernen Verschluss auf und tastete nach Taschentüchern, Brillenetui und Terminkalender. Der war neu und hatte einen Umschlag, der dem Leder einer teuren Aktentasche zum Verwechseln ähnlich sah. Der Aktentasche ihres jungen Nachbarn, der jeden Morgen mit einem schwarzen, teuer aussehenden Auto davonraste und immer erst nach acht Uhr abends zurückkehrte. Zu seiner Frau, die in der Zwischenzeit mindestens zehnmal die beiden Kinder angeschrien hatte. Aber die Tasche war schick und alles andere ging sie nichts an.
Nie zuvor hatte sie einen Terminkalender gebraucht. Ihr Gedächtnis hatte für sie allein hervorragend funktioniert. Doch jetzt hatte sie vielleicht bald eine Verantwortung und dafür, fand sie, brauchte sie einen Kalender. Um die Dinge, die bald in ihr Leben treten könnten und von Wichtigkeit waren, zu notieren.
Der Schlüssel rutschte ins Schloss. Sie drehte zweimal, rüttelte an der Klinke, verstaute den Schlüssel in einem weinroten Kunststoffetui und legte es in die Handtasche neben das Paket weißer Taschentücher. Normalerweise benutzte sie welche aus Stoff, gebügelt, gefaltet mit Blumen und Monogramm, sonntags mit gehäkelter Spitze. Heute hatte sie sich für Papier entschieden. Man wusste ja nie.
Sie lief die Treppe hinunter und war stolz über ihre nicht nachlassende Schnelligkeit. Bummelei mochte sie nicht, noch nie. Oder doch schon einmal, aber das zählte nicht, weil sie ein Kind gewesen war.
Ein Kind! Erschrocken hielt sie inne. Wenn sie ihr nun ein Kind gaben? Ein Blick auf die Uhr trieb sie weiter. Der Bus wartete nicht, auch nicht auf Damen kurz vor dem Altwerden.
Was sollte sie mit einem Kind tun, was mit ihm reden? Sie schnaufte, als sie an der Haltestelle ankam und versuchte, sich an ihre Kindheit zu erinnern. Die zehn Minuten, die sie im Häuschen auf der Bank wartete, die zwanzig Minuten, in denen sie sich rechts hinter dem Busfahrer an die Metallstange klammerte, um in den Kurven nicht von ihrem Sitzplatz geschleudert zu werden.
»Schön, dass Sie sich bereiterklären.« Die Frau rannte vor ihr her über einen schmalen Flur, eingerahmt von grünen Fliesen unter Neonröhrenlicht. Durch die Kälte.
Sie tastete sich an dem Grün entlang, ohne sich an diese Farbe erinnern zu können. Auch die Röhren mussten neu sein. Nur die Kälte war gleich.
»Wo sind denn die Leute alle?«
»Einige werden auf ihren Zimmern sein oder in der Stadt unterwegs. Die meisten sind aber auf einer Veranstaltung am Flussufer. Sie wissen doch, das Fest, das von der Organisation veranstaltet wird. Davon haben Sie sicher gehört.«
»Ja natürlich«, schwindelte sie und senkte den Kopf.
»Vielleicht gucken Sie sich erst einmal um und entscheiden später, ob Sie sich eher um ein Kind kümmern möchten oder um eine der jungen Mütter. Wie auch immer, wenn Sie Fragen haben, ...«
Als sie sich nach der Frau umdrehte, hatte der Flur sie längst wieder verschluckt.
Es war stickig im Raum. Trotz all der Kälte. Die schmalen Luken verweigerten jegliches Licht, das Freundlichkeit hätte verbreiten können. Sie nestelte an den dicken Knöpfen, zerrte den Schal vom Hals, riss den Hut herunter und fuhr sich durch das feuchte Haar. Ein Blick in die Glastür des Küchenbuffets bestätigte ihre Vermutung: Die zerdrückten Locken duckten sich auf ihrer Kopfhaut. Ihr Herz hämmerte, schmerzhaft und bis hinter die Stirn. Raus hier, dachte sie, raus aus diesem Loch, zurück an die frische Luft, sonst drehe ich durch!
»Hallo.«
Sie fuhr herum. Am Tisch saß ein Mann mit dunkler Haut, die Finger um ein Glas Tee geflochten.
»Was wollen Sie?« Warum war sie unfreundlich zu dem Fremden? Hier war sein Zuhause, nicht ihres. Am liebsten wäre sie davongelaufen, aber was würde der Mann dann denken? Dass sie sich fürchtete? Vielleicht vor der Fremdheit in ihm?
Er sah sie an, ein wenig erschrocken, dann nickte er ihr zu.
Sie sah auf ihren Mantel hinunter, den Hut, dessen Krempe sie ein wenig zerdrückt hatte, den Schal, der mit einem Ende auf dem Boden schleifte, als sie ein Stück zurückwich. »Immer war es kalt«, sagte sie und wusste die Tür hinter sich. Was erzählte sie da? Diese dummen, alten Geschichten wollte niemand hören. Noch nie wollte die jemand hören, am wenigsten sie selbst.
»Die Gemeinschaftsküche.« Ihr Blick wanderte. »Es ist lange her. Ich war noch ein Kind.« Was war nur in sie gefahren, dass sie so viel redete? Ihr rechter Fuß scharrte über die Fliesen. »Früher war hier Steinboden, der nackte Beton.«
Er nickte und schob den Stuhl neben sich zurück, aber sie schüttelte den Kopf. Der Mann verstand ja nichts, weder ihre Sprache noch das, was sie erlebt hatte, nach der Flucht. Und vorher und währenddessen. Obwohl er vielleicht Ähnliches durchlitten hatte, sonst säße er nicht hier.
Sie öffnete den angelaufenen Verschluss ihrer Tasche, tastete nach dem Paket mit den Tüchern, knetete es zwischen den Fingern, drückte es, bis die Hand schmerzte.
Der Mann schob seinen Stuhl zurück, holte ein Glas aus dem Buffet, schenkte aus einem Samowar dampfenden, dunklen Tee ein und goss kochendes Wasser dazu. Zögernd kam sie näher. Was sollte schon passieren?
»Ich hab‘ sie ja im Griff, diese alten Geschichten«, sagte sie, lächelte den Mann an und setzte sich auf die Kante des Stuhls. Als er ihr Mantel, Hut und Schal abnehmen wollte, schüttelte sie den Kopf, ordnete die Sachen auf ihrem Schoß, und er setzte sich wieder.
Erneut versuchte sie ein Lächeln, doch ein altes Zittern zog ihre Mundwinkel zum Kinn. Wo waren die Taschentücher? Nie waren welche da. Das war schon früher so gewesen, als sie noch gebummelt hatte und die Mutter sie ziehen musste, während es hinter ihnen krachte und blitzte und sie sich immer wieder mit dem Ärmel über die Augen wischen musste, um etwas sehen zu können.
Seine Hand weit neben ihrer malte Kreise auf die gelbe Kunststoffbeschichtung des Tisches, der früher braun und aus Holz gewesen war. Hier an dieser Stelle, an dem anderen Tisch hatten sie gesessen, Tag für Tag. Anfangs hatte die Mutter viel geweint, später nicht einmal mehr das. Diese Stille war unheimlich gewesen. Rundherum das Lachen und Reden, manchmal Geschrei, nur zwischen ihnen waren die Worte an irgendeiner Stelle steckengeblieben. Im Hals, im Brustkorb, so wie jetzt. Sie rang nach Luft und ein Krächzen entschlüpfte ihr.
Der Mann schob ein Taschentuch über die Tischplatte, eines aus weißem Baumwollstoff.
»Wie ein Film ist das. Als würde alles von vorn anfangen«, sagte sie und kannte ihre Stimme nicht.
Der Löffel klimperte zu laut gegen das Glas. Sie sah auf die rotierende dursichtig-braune Flüssigkeit und rührte weiter, rührte und rührte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er trank. In kleinen Schlucken. In ihrem Hals steckte noch immer etwas. Wie das Stück Apfel im Märchen, dachte sie und ihr Stuhl kratzte über die Fliesen.
An der Tür drehte sie sich um. »Auf Wiedersehen.«
»Das würde mich freuen.«
Sie trat auf einen Zipfel ihres Tuchs. »Sie sprechen Deutsch?«
»Ja. Ich bin hier geboren.«
Ihr Blick durchmaß das Zimmer, doch er schüttelte den Kopf. »Nicht in diesem Haus, in Deutschland meine ich.«
»Was tun Sie hier?«
»Ich biete meine Hilfe an, übersetze, kümmere mich um Anträge, die Wohnungssuche.«
»Sie übersetzen eine afrikanische Sprache.«
Er lachte. »Nein. Ich kann nur englisch und ein bisschen französisch.«
»Entschuldigen Sie.«
»Was soll ich entschuldigen? Dass Sie mich für einen Flüchtling gehalten haben?«
»Nein. Ich weiß nicht.« Sie hielt sein Taschentuch in die Höhe. »Ich bringe es zurück. Nächste Woche.«
Er nickte und sie öffnete die Tür.
Und hier ist mein Beitrag:
Das weiße Tuch
Fast schon zu alt, um noch aufgeregt zu sein. Beinahe alle Situationen schon gemeistert. Und jetzt doch noch einmal der Schritt über eine neue Grenze, wenn auch zögernd. Doch sie wollte ihre Pflicht erfüllen, als Gemeindemitglied, als mitfühlender Mensch.
Was soll schon sein in einem Land voller Netze und doppelter Böden, dachte sie. Und dann war ihr, als bewege sich der Boden im Halbdunkel ihres engen Flurs. Ein strenger Blick in den Spiegel und ihre Hände waren wieder vollkommen ruhig, als sie den ersten der fünf dicken violetten Knöpfe durch das umsäumte Knopfloch schob, das Tuch um den Hals schlug und verknotete, den Hut mit fliederfarbenem Band auf die kurzen Locken drückte. Schade, sie wären nachher nicht mehr tuffig und weich, eher zerdrückt, vielleicht sogar etwas verklebt vom Schweiß, denn eigentlich war es zu warm für einen Hut. 18°C bestimmt. Frühling eben. Aber der Hut war neu, hatte nur 12,- Euro gekostet, weil die Kälte vorbei war und niemand ihn mehr wollte. Da hatte sie Anfang des Monats und übermütig zugeschlagen. Wie eine Katze, der ein Spatz direkt vor der Nase herumflattert.
Sie hätte zuerst die Schuhe binden sollen. Jetzt saß sie im Mantel - auch er war zu warm - auf ihrem Stuhl im Flur und mühte sich mit den Schnürsenkeln.
»Verdammt«, sagte sie leise. Alles war plötzlich im Weg, der Wollstoff des Mantels, das Tuch, dessen Zipfel ihr die Sicht auf die Füße versperrte, die Hutkrempe, die ihr in die Stirn gerutscht war. Ihr Herz klopfte. Vor Anstrengung. Oder war sie doch ein wenig aufgeregt? Wegen dieser Grenze?
Im Halbschatten des Spiegels sah sie ihr Gesicht, gerötet, etwas aufgequollen, vielleicht von dem Blut, das ihr gerade beim Bücken in den Kopf geschossen war. Immerhin, dann war sie ja noch quicklebendig. Sie lächelte, nur zur Probe, griff nach den Henkeln ihrer braunen Handtasche, knipste noch einmal den fleckig-silbernen Verschluss auf und tastete nach Taschentüchern, Brillenetui und Terminkalender. Der war neu und hatte einen Umschlag, der dem Leder einer teuren Aktentasche zum Verwechseln ähnlich sah. Der Aktentasche ihres jungen Nachbarn, der jeden Morgen mit einem schwarzen, teuer aussehenden Auto davonraste und immer erst nach acht Uhr abends zurückkehrte. Zu seiner Frau, die in der Zwischenzeit mindestens zehnmal die beiden Kinder angeschrien hatte. Aber die Tasche war schick und alles andere ging sie nichts an.
Nie zuvor hatte sie einen Terminkalender gebraucht. Ihr Gedächtnis hatte für sie allein hervorragend funktioniert. Doch jetzt hatte sie vielleicht bald eine Verantwortung und dafür, fand sie, brauchte sie einen Kalender. Um die Dinge, die bald in ihr Leben treten könnten und von Wichtigkeit waren, zu notieren.
Der Schlüssel rutschte ins Schloss. Sie drehte zweimal, rüttelte an der Klinke, verstaute den Schlüssel in einem weinroten Kunststoffetui und legte es in die Handtasche neben das Paket weißer Taschentücher. Normalerweise benutzte sie welche aus Stoff, gebügelt, gefaltet mit Blumen und Monogramm, sonntags mit gehäkelter Spitze. Heute hatte sie sich für Papier entschieden. Man wusste ja nie.
Sie lief die Treppe hinunter und war stolz über ihre nicht nachlassende Schnelligkeit. Bummelei mochte sie nicht, noch nie. Oder doch schon einmal, aber das zählte nicht, weil sie ein Kind gewesen war.
Ein Kind! Erschrocken hielt sie inne. Wenn sie ihr nun ein Kind gaben? Ein Blick auf die Uhr trieb sie weiter. Der Bus wartete nicht, auch nicht auf Damen kurz vor dem Altwerden.
Was sollte sie mit einem Kind tun, was mit ihm reden? Sie schnaufte, als sie an der Haltestelle ankam und versuchte, sich an ihre Kindheit zu erinnern. Die zehn Minuten, die sie im Häuschen auf der Bank wartete, die zwanzig Minuten, in denen sie sich rechts hinter dem Busfahrer an die Metallstange klammerte, um in den Kurven nicht von ihrem Sitzplatz geschleudert zu werden.
»Schön, dass Sie sich bereiterklären.« Die Frau rannte vor ihr her über einen schmalen Flur, eingerahmt von grünen Fliesen unter Neonröhrenlicht. Durch die Kälte.
Sie tastete sich an dem Grün entlang, ohne sich an diese Farbe erinnern zu können. Auch die Röhren mussten neu sein. Nur die Kälte war gleich.
»Wo sind denn die Leute alle?«
»Einige werden auf ihren Zimmern sein oder in der Stadt unterwegs. Die meisten sind aber auf einer Veranstaltung am Flussufer. Sie wissen doch, das Fest, das von der Organisation veranstaltet wird. Davon haben Sie sicher gehört.«
»Ja natürlich«, schwindelte sie und senkte den Kopf.
»Vielleicht gucken Sie sich erst einmal um und entscheiden später, ob Sie sich eher um ein Kind kümmern möchten oder um eine der jungen Mütter. Wie auch immer, wenn Sie Fragen haben, ...«
Als sie sich nach der Frau umdrehte, hatte der Flur sie längst wieder verschluckt.
Es war stickig im Raum. Trotz all der Kälte. Die schmalen Luken verweigerten jegliches Licht, das Freundlichkeit hätte verbreiten können. Sie nestelte an den dicken Knöpfen, zerrte den Schal vom Hals, riss den Hut herunter und fuhr sich durch das feuchte Haar. Ein Blick in die Glastür des Küchenbuffets bestätigte ihre Vermutung: Die zerdrückten Locken duckten sich auf ihrer Kopfhaut. Ihr Herz hämmerte, schmerzhaft und bis hinter die Stirn. Raus hier, dachte sie, raus aus diesem Loch, zurück an die frische Luft, sonst drehe ich durch!
»Hallo.«
Sie fuhr herum. Am Tisch saß ein Mann mit dunkler Haut, die Finger um ein Glas Tee geflochten.
»Was wollen Sie?« Warum war sie unfreundlich zu dem Fremden? Hier war sein Zuhause, nicht ihres. Am liebsten wäre sie davongelaufen, aber was würde der Mann dann denken? Dass sie sich fürchtete? Vielleicht vor der Fremdheit in ihm?
Er sah sie an, ein wenig erschrocken, dann nickte er ihr zu.
Sie sah auf ihren Mantel hinunter, den Hut, dessen Krempe sie ein wenig zerdrückt hatte, den Schal, der mit einem Ende auf dem Boden schleifte, als sie ein Stück zurückwich. »Immer war es kalt«, sagte sie und wusste die Tür hinter sich. Was erzählte sie da? Diese dummen, alten Geschichten wollte niemand hören. Noch nie wollte die jemand hören, am wenigsten sie selbst.
»Die Gemeinschaftsküche.« Ihr Blick wanderte. »Es ist lange her. Ich war noch ein Kind.« Was war nur in sie gefahren, dass sie so viel redete? Ihr rechter Fuß scharrte über die Fliesen. »Früher war hier Steinboden, der nackte Beton.«
Er nickte und schob den Stuhl neben sich zurück, aber sie schüttelte den Kopf. Der Mann verstand ja nichts, weder ihre Sprache noch das, was sie erlebt hatte, nach der Flucht. Und vorher und währenddessen. Obwohl er vielleicht Ähnliches durchlitten hatte, sonst säße er nicht hier.
Sie öffnete den angelaufenen Verschluss ihrer Tasche, tastete nach dem Paket mit den Tüchern, knetete es zwischen den Fingern, drückte es, bis die Hand schmerzte.
Der Mann schob seinen Stuhl zurück, holte ein Glas aus dem Buffet, schenkte aus einem Samowar dampfenden, dunklen Tee ein und goss kochendes Wasser dazu. Zögernd kam sie näher. Was sollte schon passieren?
»Ich hab‘ sie ja im Griff, diese alten Geschichten«, sagte sie, lächelte den Mann an und setzte sich auf die Kante des Stuhls. Als er ihr Mantel, Hut und Schal abnehmen wollte, schüttelte sie den Kopf, ordnete die Sachen auf ihrem Schoß, und er setzte sich wieder.
Erneut versuchte sie ein Lächeln, doch ein altes Zittern zog ihre Mundwinkel zum Kinn. Wo waren die Taschentücher? Nie waren welche da. Das war schon früher so gewesen, als sie noch gebummelt hatte und die Mutter sie ziehen musste, während es hinter ihnen krachte und blitzte und sie sich immer wieder mit dem Ärmel über die Augen wischen musste, um etwas sehen zu können.
Seine Hand weit neben ihrer malte Kreise auf die gelbe Kunststoffbeschichtung des Tisches, der früher braun und aus Holz gewesen war. Hier an dieser Stelle, an dem anderen Tisch hatten sie gesessen, Tag für Tag. Anfangs hatte die Mutter viel geweint, später nicht einmal mehr das. Diese Stille war unheimlich gewesen. Rundherum das Lachen und Reden, manchmal Geschrei, nur zwischen ihnen waren die Worte an irgendeiner Stelle steckengeblieben. Im Hals, im Brustkorb, so wie jetzt. Sie rang nach Luft und ein Krächzen entschlüpfte ihr.
Der Mann schob ein Taschentuch über die Tischplatte, eines aus weißem Baumwollstoff.
»Wie ein Film ist das. Als würde alles von vorn anfangen«, sagte sie und kannte ihre Stimme nicht.
Der Löffel klimperte zu laut gegen das Glas. Sie sah auf die rotierende dursichtig-braune Flüssigkeit und rührte weiter, rührte und rührte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er trank. In kleinen Schlucken. In ihrem Hals steckte noch immer etwas. Wie das Stück Apfel im Märchen, dachte sie und ihr Stuhl kratzte über die Fliesen.
An der Tür drehte sie sich um. »Auf Wiedersehen.«
»Das würde mich freuen.«
Sie trat auf einen Zipfel ihres Tuchs. »Sie sprechen Deutsch?«
»Ja. Ich bin hier geboren.«
Ihr Blick durchmaß das Zimmer, doch er schüttelte den Kopf. »Nicht in diesem Haus, in Deutschland meine ich.«
»Was tun Sie hier?«
»Ich biete meine Hilfe an, übersetze, kümmere mich um Anträge, die Wohnungssuche.«
»Sie übersetzen eine afrikanische Sprache.«
Er lachte. »Nein. Ich kann nur englisch und ein bisschen französisch.«
»Entschuldigen Sie.«
»Was soll ich entschuldigen? Dass Sie mich für einen Flüchtling gehalten haben?«
»Nein. Ich weiß nicht.« Sie hielt sein Taschentuch in die Höhe. »Ich bringe es zurück. Nächste Woche.«
Er nickte und sie öffnete die Tür.
Samstag, 24. Oktober 2015
Aufbruch
"Liebe Sylvia,
Eine Mail von Jutta bzw. ein Kommentar, der nicht einstellbar war. Aber jetzt doch auftaucht. Wie von Zauberhand.
ich bekomme
es leider nicht hin, einen Kommentar auf deinem Blog zu platzieren,
weswegen ich dir jetzt so einen kleinen Gruß sende und nochmal kurz
zusammenfasse, was ich dort bereits geschrieben hatte:
super,
dass du da dran bleibst! „flüchtig“ gefällt mir ganz gut, allerdings
würde ich einen titel, der noch offener ist, noch besser finden. während
der letzten vhs-dienstagsrunde, ging mir „aufbruch“ oder „aufbrüche“
oder „geschichten von aufbrüchen“ durch den kopf - vielleicht weil
hannelore (die kennst du, glaube ich, von der einen werkstatt hier bei
mir zu hause) einen unfassbar komischen text geschrieben hat über drei
heilige könige töne, die aus so einer geschnitzten pyramide ausbrechen.
und sabine hat gleich mindestens zwei texte, die in frage kommen, wie
ich sie dann anschließend erinnerte …"
Eine Mail von Jutta bzw. ein Kommentar, der nicht einstellbar war. Aber jetzt doch auftaucht. Wie von Zauberhand.
Nein, natürlich nicht! Ich habe ihn kopiert.
Wer hat eine Meinung zu den Themenvorschlägen? Mir gefällt 'Geschichten vom Aufbruch' gut.
VORSCHLÄGE bitte hier ins Kommentarfeld oder per Mail oder auch von Zauberhand von euch zu mir.
Herbstliche Grüße
Sylvia
![]() |
| Finja, Paul, Luisa, Matti, Bennet, Mona, Lucy, Hannah |
Freitag, 23. Oktober 2015
10 Fragen
Durch Juttas Blog 'Über das Schreiben von Geschichten' (juttareichelt.com) wurde ich auf 'Sätze & Schätze' (saetzeundschaetze.com) aufmerksam. Auf ihrem beeindruckenden Blog stellt Birgit 10 Fragen zum Thema Buch.
Trotz großer Anstrengung ist es mir nicht gelungen, alle Fragen endgültig und vor allem einfach zu beantworten.
Also los, nach bestem Wissen.
- Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast.
Das Urmel von Max Kruse ist das erste Buch, dass ich nicht schnell genug lesen konnte und von dem es glücklicherweise mehrere Bände gab und noch gibt. Wahrscheinlich hatte ich damals - ich nehme an, es war in der ersten oder zweiten Klasse - zum ersten Mal eine Ahnung davon, was sich hinter dem Wort 'Sucht' verbirgt. Allerdings hatte ich selten einen Mangel an Büchern, die mich interessiert haben und auch kein Problem damit, ein Buch mehrmals zu verschlingen.
- Das Buch, das deine Jugend begleitete.
Das waren Berge von Büchern. Abgesehen von meiner Nesthäkchenzeit erinnere ich mich an Kinder-/Jugendbücher von Gudrun Pausewang, die mich damals wie heute enorm beeindrucken konnte. Judith Kerr hat mir das Dritte Reich mit all seinen Grausamkeiten und kindgerecht aufbereitet gezeigt.
Später war es George Orwell, der mich mit '1984' faszinierte und erschreckte.
Außerdem gab es reichlich Literatur zum Thema Frau. Eines dieser Bücher habe ich tasächlich noch im Regal: Anja Meulenbelt, 'für uns selbst'.
- Das Buch, das dich zur Leserin machte.
Das Urmeli. Die kleine Hexe war aber auch klasse.
- Das Buch, das du am häufigsten gelesen hast.
1984 von Orwell war das eine, Barbarische Hochzeit von Yann Queffélec das andere.
- Das Buch, das dir am wichtigsten war.
Natürlich sind es die beiden Bücher im vorherigen Punkt, sonst hätte ich sie nicht mehrfach gelesen. Aber auch Toni Morrisson gehört zu denen, die für mich wichtige Bücher geschrieben haben, Steinbeck ebenso wie Erich Hackl und Peter Sloterdijks Der Zauberbaum. Kein Ende in Sicht, kein Buch, das ich an die Spitze stellen kann.
- Das Buch, vor dem du einen riesigen Respekt hattest.
Ich glaube, ich war ziemlich respektlos. Jetzt habe ich Respekt vor den meisten Autorinnen und Autoren.
- Das Buch, das deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird.
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang.
- Das Buch, das du unbedingt lesen willst - wenn da einmal Zeit wäre.
Weshalb Buch? BÜCHER! Ich habe mal eins aus dem Stapel gezogen: William Faulkner, Licht im August. Oder rät mir jemand ab und zu etwas anderem?
- Das Buch, das dir am meisten Angst macht.
Dieses Mal ist die Antwort einfach. Es ist das Manuskript zum Buch in meinem Computer, das gerade entsteht - oder auch nicht.
- Das Buch, das du gern selbst geschrieben hättest.
Ha! Da werde ich nie und nimmer fertig. Es gibt einfach nicht das eine Buch für mich.
Wer möchte noch? Antworten könnt ihr auf Sätze & Schätze oder eurem eigenen Blog und natürlich hier.
Ich warte gespannt und grüße euch herzlich
Sylvia
Trotz großer Anstrengung ist es mir nicht gelungen, alle Fragen endgültig und vor allem einfach zu beantworten.
Also los, nach bestem Wissen.
- Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast.
Das Urmel von Max Kruse ist das erste Buch, dass ich nicht schnell genug lesen konnte und von dem es glücklicherweise mehrere Bände gab und noch gibt. Wahrscheinlich hatte ich damals - ich nehme an, es war in der ersten oder zweiten Klasse - zum ersten Mal eine Ahnung davon, was sich hinter dem Wort 'Sucht' verbirgt. Allerdings hatte ich selten einen Mangel an Büchern, die mich interessiert haben und auch kein Problem damit, ein Buch mehrmals zu verschlingen.
- Das Buch, das deine Jugend begleitete.
Das waren Berge von Büchern. Abgesehen von meiner Nesthäkchenzeit erinnere ich mich an Kinder-/Jugendbücher von Gudrun Pausewang, die mich damals wie heute enorm beeindrucken konnte. Judith Kerr hat mir das Dritte Reich mit all seinen Grausamkeiten und kindgerecht aufbereitet gezeigt.
Später war es George Orwell, der mich mit '1984' faszinierte und erschreckte.
Außerdem gab es reichlich Literatur zum Thema Frau. Eines dieser Bücher habe ich tasächlich noch im Regal: Anja Meulenbelt, 'für uns selbst'.
- Das Buch, das dich zur Leserin machte.
Das Urmeli. Die kleine Hexe war aber auch klasse.
- Das Buch, das du am häufigsten gelesen hast.
1984 von Orwell war das eine, Barbarische Hochzeit von Yann Queffélec das andere.
- Das Buch, das dir am wichtigsten war.
Natürlich sind es die beiden Bücher im vorherigen Punkt, sonst hätte ich sie nicht mehrfach gelesen. Aber auch Toni Morrisson gehört zu denen, die für mich wichtige Bücher geschrieben haben, Steinbeck ebenso wie Erich Hackl und Peter Sloterdijks Der Zauberbaum. Kein Ende in Sicht, kein Buch, das ich an die Spitze stellen kann.
- Das Buch, vor dem du einen riesigen Respekt hattest.
Ich glaube, ich war ziemlich respektlos. Jetzt habe ich Respekt vor den meisten Autorinnen und Autoren.
- Das Buch, das deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird.
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang.
- Das Buch, das du unbedingt lesen willst - wenn da einmal Zeit wäre.
Weshalb Buch? BÜCHER! Ich habe mal eins aus dem Stapel gezogen: William Faulkner, Licht im August. Oder rät mir jemand ab und zu etwas anderem?
- Das Buch, das dir am meisten Angst macht.
Dieses Mal ist die Antwort einfach. Es ist das Manuskript zum Buch in meinem Computer, das gerade entsteht - oder auch nicht.
- Das Buch, das du gern selbst geschrieben hättest.
Ha! Da werde ich nie und nimmer fertig. Es gibt einfach nicht das eine Buch für mich.
Wer möchte noch? Antworten könnt ihr auf Sätze & Schätze oder eurem eigenen Blog und natürlich hier.
Ich warte gespannt und grüße euch herzlich
Sylvia
Sonntag, 18. Oktober 2015
Schubladen-Texte
| Foto: Jim Löhmann |
Aus welchem Grund auch immer: Ich würde diese Texte - eure und meine - gern ins Leben entlassen.
Wenn wir ein gemeinsames Thema oder mehrere finden, können wir neue Geschichten spinnen und alte ausgraben, aus denen Bücher oder Hefte entstehen.
Zusätzlich würde ich mich über Bilder freuen, die von Künstlern beigesteuert werden und die Arbeiten ergänzen und abrunden.
Themen könnten sein:
Flüchtig: Dabei denke ich nicht nur an die Menschen, die zur Zeit ihre Heimat verlassen müssen.
Sicher gibt es noch mehr Assoziationen zum Wort.
Heimat: Was ist Heimat? Wo befindet sie sich? Benötigen wir überhaupt einen Ort,
den wir Heimat nennen oder kann das auch etwas ganz anderes sein?
Arbeit: Macht sie uns glücklich oder legt sie uns Ketten an? Würde uns ein Millionengewinn
Erleichterung verschaffen? Ertragen wir ein Leben ohne sinnvolle Arbeit?
Euch fällt sicher noch einiges ein. Jede Idee ist willkommen, mit einer Ausnahme. Ich weigere mich, rechte Texte aufzunehmen.
Über die Veröffentlichung können wir uns Gedanken machen, wenn wir ein Ergebnis haben oder während des Schreibens, Korrigierens, Zusammenstellens. Sollten wir keinen Verlag finden, gibt es ja immerhin die Möglichkeit, selbst im Netz tätig zu werden.
Jetzt zur Hauptsache, zum Geld, das in Strömen fließen, mit Schaufeln in Säcke geschippt, auf Lkw verladen werden wird.
Ich würde es gern spenden. Da wir wahrscheinlich nicht in die Verlegenheit kommen, Lkw mit Säcken von Talern zu entladen, macht es für mich Sinn, es dahinzuleiten, wo viele Tropfen irgendwann eine Karaffe füllen.
Mitschreiben und Schubladen entleeren erwünscht!
Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit euch.
Besonders angesprochen fühlen darf sich der BVjA Autorenstammtisch Bremen. Dort kann jede/r mitmachen, der Interesse am Schreiben hat - auch ohne bisher veröffentlicht zu haben. Wir treffen uns einmal im Monat. Das Datum wird auf unserer Facebookseite angegeben. Es ist aber auch möglich, über mich Kontakt zu knüpfen.
Einen trockenen Start in die Woche und liebe Grüße
Sylvia
Samstag, 12. September 2015
Christoph - eine Variante
| Zeichnung: Otto Hopp |
Er fragte sich schon lange, wie es wäre, zu verschwinden. Welches Gefühl sich wohl einstellte, wenn man sich plötzlich von der Welt löste? Wer würde ihn vermissen?
Als er sich zum ersten Mal gewünscht hatte zu verschwinden, war er fünf Jahre alt gewesen, saß vor dem Fernseher und folgte einer Show, in der ein Zauberer auftrat. Seine Eltern lachten und bezeichneten den Mann mit schwarzem Zylinder und Frack als Stümper, der seinen Job nicht versteht. Doch Christoph war voller Bewunderung und wollte sich fortzaubern können wie dieser Mann am Ende der Show.
Später veränderte sich das Verschwinden-Wollen. In der Schule war der Wunsch nach einer Tarnkappe in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie, Latein und Sport mit jedem Jahr drängender geworden.
Die Zeit der Mädchen überschnitt die Phase der Tarnkappe. Kam ihm eines dieser undurchschaubaren, leichtfüßigen Wesen unverhofft zu nahe, hoffte er inständig, der Boden unter seinen zu großen Füßen, die an dürren Beinen baumelten, möge sich öffnen, ihn mitsamt seines glühenden Gesichts verschlingen.
Mit dem Abstand der Jahre und damit einhergehender Weitsichtigkeit bemerkte er, wie unsinnig seine Wünsche gewesen waren. Wegläufer nannte er sich im Nachhinein. Das war in den Jahren, in denen er sich für unbesiegbar hielt und meinte, die Welt hätte allein auf ihn gewartet.
Aber auch diese Phase war vorübergegangen und die Idee, von einem Moment zum nächsten zu verschwinden, hatte erneut Besitz von ihm ergriffen. Zuerst nur vage und selten, dann oft und konkret. Und das hatte bestimmt nichts mit Katharina zu tun, auch wenn das jeder mutmaßen würde. Am ehesten sie selbst.
Dieses Mal hatte er das Verschwinden gewagt, allerdings ohne es zu planen, mehr intuitiv. So würde Katharina es nennen. Doch Katharina war Vergangenheit. Alles war Vergangenheit, sogar er selbst. Oder vielmehr das Selbst, dass er noch gewesen war, als er am Morgen die Haustür hinter sich zugezogen hatte.
Der Weg zur Arbeit war immer gleich und begann um 6.45 Uhr, auch an diesem besonderen Morgen, von dem noch niemand wusste, wie besonders er werden würde. Vier Meter Waschbeton bis zum Asphalt der Straße, links abbiegen, den Bürgersteig entlang. Umhüllt vom Hupen, Motorengetöse, Rufen, Schimpfen, Hundegebell. Umhüllt und zusammengehalten.
Kurz bevor er den Bahnhof erreichte, sah er, dass sich die Türen des Busses, seines Busses, mit einem Zischen schlossen. Der Motor heulte auf und schon fädelte sich das Fahrzeug in den fließenden Verkehr, entfernte sich brummend wie ein Insekt, das er gerade von seiner Haut gewedelt hatte.
Verdutzt blickte er dem Bus hinterher, warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass sie stehen geblieben sein musste. Es war exakt 6.45 Uhr und das konnte nicht sein, denn um exakt 6.45 Uhr war er von zu Hause losgegangen. Wie jeden Morgen.
Natürlich hätte er im Büro anrufen können oder bei Katharina, die sicher noch zu Hause war, weil sie später und mit dem Auto zur Arbeit fuhr. Stattdessen stand er still, die Aktentasche mit den Broten und dem Apfel in der Hand.
Er ließ die Tasche fallen. Der schmatzende Aufprall des Leders auf den Asphalt legte sich wie eine Patina auf seine Wirbelsäule, klatschte auf seine Schläfen. Er fasste sich ins Kreuz wie einer, der einen Stich in den Bandscheiben spürt, tastete die unteren Wirbel hinauf und herab, ließ die Fingerkuppen kreisen und wurde bleich. Lag da nicht eine blättrige Schicht auf ihm, sogar durch den Stoff seines Hemdes spürbar? Vorsichtig zog er am Oberhemd, glitt mit der Hand darunter, bekam einen Zipfel zu fassen, zog und zerrte an den Lappen, die ihn, fest miteinander verbunden, einhüllten.
War ihm nicht gerade heute Morgen der Gedanke gekommen, er würde von Geräuschen zusammengehalten? Konnte das möglich sein? Legte sich das Quietschen von Reifen, das Schreien fremder Kinder, das Dröhnen von Presslufthämmern auf ihn? Seit Jahren? Wohlmöglich schon sein Leben lang? Und hatte er das nicht schon längst geahnt?
Christoph wankte zur Bank im Wartehäuschen. Dieser Mantel, genäht aus Lauten und Tönen, Geraschel und Geprassel, aus Wimmern und Kreischen wog schwer. Das spürte er jetzt und auch, dass er ihn nicht mehr lange würde tragen können. Die Wirbel in seinem Nacken knirschten, als er den Kopf drehte und sah, wie viele Menschen gebeugt über den Asphalt schlichen. Nur die Kinder hopsten noch an den Händen ihrer Mütter, aber schon die älteren mit den Schultaschen auf den Schultern bewegten sich langsam und schwerfällig.
Er klopfte seine Arme ab, dann den Bauch, die Brust, schließlich die Oberschenkel und Knie, die Waden. Da war kein Gefühl. Taub die Gliedmaßen, erdrückt und erstickt. Nicht einmal sein Kneifen in Wangen und Ohrmuschel löste Schmerz aus. Die verfluchten Schichten verhinderten jedes Durchkommen!
Sein eigenes Seufzen erklang von weit her und er lehnte sich zurück, schloss die Augen.
Nur ein paar Minuten später klimperten Absätze. Christoph hörte die Leichtigkeit eines Schritts, das Flattern eines Rocks. Verwirrt riss er die Augen auf.
»Sind Sie nicht von hier?«, wagte er zu fragen, als die junge Frau neben ihm stehen blieb und den Fahrplan studierte.
»Nein, ich bin vom Meer.« Sie lachte und fuhr sich durchs Haar. »Sieht man mir das an?«
»Ja.«
»Und warum?«
»Sie wirken wie ein Schmetterling neben fetten Raupenpuppen.«
Wieder lachte sie. »Das ist doch eine gute Nachricht. Aus Raupen werden Schmetterlinge, zumindest aus den klugen.« Ihr Haar flatterte, als sie den Kopf wand und einem kirschroten Bus entgegensah, der die Haltestelle anfuhr, vor dem Wartehäuschen ausrollte.
»Fahren Sie mit diesem Bus nach Hause, zurück ans Meer?«, fragte Christoph und stand auf, weil er die Antwort längst wusste.
Im Inneren des Busses sog er die Luft ein. Frisch und süß ließ sie sich atmen und leichter, als in den Straßen der Stadt. Die Passagiere, die nicht einmal die Hälfte der Sitze belegten, lachten miteinander. Christopf saß allein, weil er es so wollte. Er mochte nicht reden und er hatte bemerkt, dass die erste Schicht auf seinem Körper Blasen warf. Das musste man niemand anderem zumuten, fand er. Tatsächlich brachen die Pusteln auf und bröckelten wie Farbreste auf den erdbeerfarbenen Sitz. Christoph fegte die Krümel, Brocken und Splitter mit dem Handrücken auf den Boden, der bald rund um seine Füße mit einem fleckigen Teppich seiner Schichten belegt war.
Dann kam die Leichtigkeit. Er lachte über einen Satzfetzen, der an ihm vorbeiwehte, zwinkerte einer kichernden Alten zu, die sich an seinem Sitz vorbeischob. Christoph schälte sich.
Nach zwei Stunden steuerte der Busfahrer einen Rastplatz an und Christopf fühlte sich derart befreit, dass er meinte, Flugversuche unternehmen zu können. Auf einem verbrannten Stück Gras neben dem Toilettenhäuschen hopste er ein wenig. Auf beiden Beinen, dann auf einem, breitete die Arme aus und ja, beinahe lösten sich die Füße ganz und gar vom Boden.
Schließlich ließ er sich auf die gelben Halme fallen, pflückte den einzigen Löwenzahn weit und breit und blies in die weiße Kugel. Kleine weiße Schirmchen lösten sich, wirbelten davon. Er hätte Katharina mitnehmen können. Sie trug ebenfalls an ihren Schichten, auch wenn sie das nicht wusste. Er jedoch hatte sie gesehen. Lange schon, bevor er überhaupt von der Existenz seines eigenen Ballastes wusste. Der weniger wurde, immer weniger.
Vom Schaukeln des Busses musste er eingenickt sein, denn als er die Augen öffnete, lag weißer Sand vor ihm. In der Nähe rauschte das Meer. Von den anderen Fahrgästen war niemand mehr zu sehen. Nur der Busfahrer hatte sich zu ihm umgedreht und lachte freundlich.
Christoph rappelte sich auf, stieg aus und winkte dem davonbrausenden Bus hinterher. Fedrig fühlte sich sein Körper an und auch sein Kopf lag nicht mehr schwer auf harten Schultern. Er sah an sich herab. Seine Arme waren weiß, als seien sie noch nie dem Licht ausgesetzt worden, durchsichtig beinahe. Beim Aneinanderreiben der Hände spürte er die Weichheit wie ein Nichts. Er strengte sich an, um in der beginnenden Dämmerung seine Umrisse erkennen zu können.
Hier und da hingen noch Fetzen an ihm, doch auch die würde er jetzt lösen. Christoph warf seine Arme in die Höhe, jauchzte, rannte los, riss sich das Hemd vom Oberkörper, schleuderte die Schuhe von sich und zerrte, am Wasser angelangt, an seinem Hosenbund. Das Meer empfing ihn kühl und er rang nach Luft. Doch dann schwamm ein Stück der Schicht auf dem Wasser davon und schon begann er, zu reiben und zu ziehen. Schließlich angelte er eine Muschel vom Grund und schabte mit der scharfen Kante über seine Haut. Das Wasser wurde tiefer, doch er tappte weiter, Schritt für Schritt und schrubbte.
Dann verlor er den Boden. Blickte auf seine Hände. Konnte sie nicht erkennen. Bewegte die Beine auf und ab, fühlte sich schwerelos. So leicht, dass er aufhörte, Widerstand zu leisten. Wurde getragen und würde sich nicht mehr anstrengen müssen.
Er dachte an Katharina.
»Sag mal, ist da nicht gerade noch ein Mann im Meer geschwommen?«
»Ja, einer von den Städtern, einer von denen, die immer so merkwürdig herumplantschen und mit sich selbst beschäftigt sind."
»Und wo ist der jetzt?«
»Na, er wird sich wahrscheinlich genauso aufgelöst haben wie alle anderen vor ihm.«
»Wie die Gespenster, diese Städter.«
»Wie Leute, die glauben, in jedem Kokon sei ein Schmetterling verborgen.«
»Was?«
»Ach nichts.«
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